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Rotkäppchen
(Originaltext siehe -->
Brüder Grimm, KHM Ausgabe letzter Hand von 1857, Nr.
26)
Märchen
schildern Wahrheiten. Jeder kann sich selber darin spiegeln.
Deshalb gibt es viele Deutungsversuche und Deutungsmöglichkeiten.
Häufig ist zu hören, "Rotkäppchen"
schildere die Entwicklung eines Mädchens in der Pubertät.
Im Märchen wird jedoch nicht von einem roten Kleid gesprochen,
sondern von einer roten Kappe. Dann wird das Märchen gern
als Warnung vor den Lügen und Verführungen der Männer
verstanden: "Nimm dich in Acht, geh nicht alleine in den
Wald!" (siehe die französische PERRAULT– Fassung).
Das löst jedoch nicht alle Ungereimtheiten und
Widersprüche auf. Als derart materiell aufgefaßte
Alltagsgeschichte ist "Rotkäppchen" purer Unsinn.
Kein Wolf kann reden. Kein schlafender Wolf läßt
sich ungestraft den Bauch mit einer Schere aufschneiden. Kein
Mensch kommt lebend aus einem Wolfsbauch wieder heraus, wenn
er einmal verschlungen wurde. Und warum geht der Wolf neben
Rotkäppchen her und führt Selbstgespräche: "Du
mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst..."
Warum frißt er sie denn nicht gleich? Was hindert ihn
daran? Es muß sich also um Sinnbilder handeln, wenn die
Geschichte nicht völlig unsinnig sein soll.
Kind,
Mutter, Großmutter – damit beginnt das
Märchen. Die schützende, wärmende, nährende
Hülle des Kindes ist die Mutter. Die Mutter wiederum
kommt aus der Großmutter. Unsere Ursprünge werden
genannt. Vom Ursprung an ist die Freiheit geplant: Rotkäppchen
soll etwas auf die eigene Kappe nehmen. Diese Kappe ist rot
und aus Sammet: sie spiegelt also nicht die Welt mit ihrer
glänzenden Oberfläche sondern strahlt nur ihre eigene
warme Farbe aus.
"Geh hübsch sittsam…!" ermahnt
sie die Mutter, und Rotkäppchen erwidert: "Ich
will schon alles gut machen". Sie soll sich an die
Sitten halten, an die überlieferten Verhaltensmaßregeln.
Rotkäppchen aber antwortet nicht: "Ich will schon
alles recht machen!", sondern: "Ich will schon
alles gut machen!" Sie wird nicht nach Recht und
Gesetz handeln, sondern so, daß es gut ist für
die Entwicklung.
Die
Mutter hat ihm Kuchen und Wein für die Großmutter
mitgegeben. (Hieß es ursprünglich vielleicht Brot
und Wein?) Das soll die Großmutter ernähren und
dadurch stärken. Kennen wir das auch? Ja, wenn wir täglich
zu bestimmter Zeit joggen, eine Übung machen oder beten,
dann stärken wir bestimmte Kräfte, ernähren
sie. Die Großmutter wohnt ½ Stunde vom Dorf.
Ein Gedanke entsteht in einer Sekunde, ein Gefühl braucht
schon eine Minute, die Tat eine Stunde…. Wenn Rotkäppchen
zu ihr gelangt, ist erst die halbe Tat getan.
Mutter und Großmutter warnen noch nicht vor dem Wolf.
Erst das Kind lernt ihn kennen, weil es sich auf den Weg macht.
Die Kinder in den Märchen sind Bilder
für unentwickelte Kräfte in uns, die wir pflegen
und durch regelmäßiges Ernähren aufziehen
können. Man kann auch noch mit 70 Jahren etwas Nützliches
durch Üben dazulernen.
Im Wald begegnet Rotkäppchen dem Wolf. Der spricht es
an, fragt es nach seinem Vorhaben aus, wo die Großmutter
zu finden sei, und dann überlegt er merkwürdigerweise,
wie er beide, Großmutter und Rotkäppchen erschnappen
kann. Die Lösung: er muß sie von ihrem Schul-(ungs-)
Weg abbringen und sagt:
„Du
gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule
gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald!“
Da könnte man doch sagen: "Den Satz lassen wir weg,
denn heute werden Schulkinder nicht mehr mit dem Rohrstock
bedroht, sondern gehen gerne in die Schule. Aber Rotkäppchen
befindet sich tatsächlich auf einem Schul-(ungs-)Weg,
von dem sie nicht abgehen soll. Sie soll durch regelmäßige
Schritte (Fortschritte) zur Großmutter finden und diese
wieder beleben und stärken. Die Großmutter ist
der Urursprung, vielleicht kann man sagen das Paradies oder
der göttliche Ursprung, aus dem wir stammen, und der
uns jede Nacht wieder belebt, wenn wir uns am Tage mit falschen
Gedanken, bösen Gefühlen, störenden Taten gekränkt
haben. Das Bewußtsein für diesen Ursprung ist bei
den Menschen verblaßt = die Großmutter ist krank
und schwach geworden. Rotkäppchen bemüht sich um
Re-ligion, um Wiederverbindung mit ihr. In der Heiligen Messe
soll mit Brot und Wein, bei Rotkäppchen mit Kuchen und
Wein die Verbindung zum Göttlichen gestärkt werden.
Das ist ihr Schulweg.
Wo wohnt die Großmutter? "Unter den drei
großen Eichbäumen, da steht ihr Haus,
unten sind die Nußhecken, das wirst du wohl wissen…"
3 Eichbäume weisen auf ein Druidenheiligtum hin, auf
einen Altarbereich. Die Nußhecke ist
ein Schutz gegen böse Einflüsse von unten. Dort
ist die "Großmutter" zu Hause - nach oben
zum Himmel offen, gegen unten zu beschützt.
Dem Wolf liegt jedoch daran, den Blick vom Geistigen ab- und
auf irdische, endliche Dinge hinzulenken. Er will Ursprung
und Ziel des Menschen aus dem Bewußtsein auslöschen:
"Der Mensch fängt mit der Eizelle an, und hört
beim Tod auf zu leben, ist dann nur noch zu entsorgender Abfall".
Tatsächlich
muß jeder Mensch, wenn er auf die Erde kommt, die Erdenverhältnisse
wahrnehmen. Er muß alle seine Sinne ausbilden,
dadurch, daß er sie gebraucht. Das macht Rotkäppchen.
„Siehst du nicht die Blumen, die ringsumher stehen......ich
glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich
singen..... Rotkäppchen schlug die Augen auf…..“
Und er muß auch vom vorgeschriebenen Weg abgehen, um
selbständig zu werden, vgl. das biblische Verbot, Äpfel
vom Baum der Erkenntnis zu essen - oder das Gleichnis vom
Verlorenen Sohn.
Und
nun schlägt Rotkäppchen die Augen auf, und beginnt
Blumen zu pflücken. Genial bei Grimm:
„....und wenn es eine gebrochen hatte.....“
Sie bricht sie aus dem lebendigen Zusammenhang heraus! Erinnert
das nicht an das Faktensammeln der naturwissenschaftlichen
Spezialisten, die sich immer größere Festplatten
besorgen müssen, um die Daten zu speichern? Und dann:
„Als sie so viel zusammen hatte, daß sie keine
mehr tragen konnte, fiel ihr die Großmutter wieder ein.....“
Ja, wozu sammle ich eigentlich, dient das der Menschheit?
Ich wollte doch mein Bewußtsein vom Ursprung und Sinn
des Lebens stärken!
Was
begegnet ihr folgerichtig bei der Großmutter: das
Bild der eigenen Gier, des ausgeuferten Hörens,
Sehens, Sammelns, Einverleibens. „Was hast du für
große Ohren, Augen, Hände, Maul?“ Daran
kann sie erst einmal nichts ändern, d.h. durch ihr Erschrecken
darüber wird es auch für sie dunkel. Die Raupe,
die sich ganz dem Fressen, dem Einverleiben, dem Leibbilden,
dem Irdischen hingegeben hat, verschwindet in der Dunkelheit
der Puppe…… kommt später als Schmetterling
neu ans Licht. "Der Wolf hatte die Haube
tief ins Gesicht gesetzt". Er will nicht
erkannt werden, denn er tritt in der Maske der Großmutter,
der Urweisheit auf, als wäre er das letzte Erkenntnisziel.
Tritt heute nicht so die Naturwissenschaft auf? Sie hat zwar
die erstaunlichsten Fortschritte gebracht, aber keine sozialen
Probleme gelöst.
Scheinbar
an zwei verschiedenen Orten spielt das Märchen
nach der Versuchung: im Wald beim sammelnden Rotkäppchen,
und im Haus der Großmutter, die der Wolf verschlingt.
Aber das sind nur zwei Ansichten ein- und derselben Sache.
Wenn Rotkäppchen sich ganz in die Welt der Sinne verliert,
verschwindet eben das Bewußtsein vom Ursprung und vom
Ziel des Menschen im Vergessen, in der Dunkelheit des Wolfsbauches.
Der
Jäger sagt: "finde ich dich hier, du alter Sünder,
ich habe dich lange gesucht." Warum hat er lange
gesucht? Weil der Wolf sich verstellt hat, weil er sich nicht
in seiner wahren Gestalt zeigt, sondern lügt. Die Naturwissenschaft
tritt auch mit dem Anspruch auf, die Klügste zu sein:
"Es wächst, Es vermehrt sich, es …."
Da, wo ein Kind weiterfragen würde, hört sie auf
zu fragen und setzt das Wörtchen "Es" ein.
Der
Wolf verkleidet sich als Großmutter, Ahne,
Ursprung der Weisheit, also als verehrungswürdig Heiliges.
In seinem Bauch sind die jungen Kräfte, denen er sein
Leben verdankt. Das, was sich nämlich der Teufel einverleibt,
gibt ihm die Kraft Böses zu tun. Er ernährt sich
von der Aufmerksamkeit, die man ihm schenkt. Normalerweise
hält uns der Teufel Knüppel zwischen die Beine,
und wenn wir dann über den Knüppel schimpfen, fließen
ihm unsere Kräfte zu. Wenn Rotkäppchen sich in die
Welt der Sinne hinein verliert, dann heißt das: dem
Wolf Aufmerksamkeit schenken, im Märchenbild: "er
verschlingt Rotkäppchen". Gleichzeitig verschwindet
die Großmutter, der göttliche Ursprung, im Dunkel
des Vergessens. Die Verstellung des Wolfes muß durchschaut
werden. Man muß Licht in die Sache bringen. Dann fällt
die Maske.
Im
Märchen klingt es am Schluß so, als wenn 10 Sekunden
nach dem Verschlingen des Rotkäppchens der Jäger
käme. (siehe --> Zeit
im Märchen) Aber auch hier ist die Frage erlaubt:
Bildet sich dieser Jäger mit seinem
scharfen Blick und seinem Unterscheidungsvermögen, der
Schere, die Licht in die Sache bringt, vielleicht erst durch
das Leiden in der Enge und Dunkelheit heran? („Ach.....wie
war es so dunkel in dem Wolf seinem Leib....... und dann kam
die Großmutter auch noch... heraus und konnte kaum atmen“)
Nach den ersten Schnitten sieht der Jäger das rote
Käppchen leuchten: Rotkäppchen kommt zunächst
mit seinem Denken ans Licht. Vielleicht kann sie auch erst
dann rückblickend die überstandenen Schwierigkeiten
überschauen, wenn sie sie überwunden hat: "…..wie
war es so finster in dem Wolf seinem Leib!"
Ziel
und Weg der individuellen menschlichen Entwicklung
sind dem Wolf ein Dorn im Auge. Deshalb will er Rotkäppchen
(die sich auf den Weg gemacht hat) und die
Großmutter (das Ziel) töten.
Während Rotkäppchens Leiden im Wolfsbauch (Enge
und Dunkelheit) entwickelt sich das Unterscheidungsvermögen,
der Jäger, mit dem es jetzt den Wolf, das Todbringende,
durchschaut. Rotkäppchen ist es deshalb auch, das dem
Wolf in den Leib füllt, was hineingehört: totes
Material, Steine, anstelle des Lebendigen, das er sich einverleiben
wollte.
Steckt
unsere Zivilisation nicht schon 500 Jahre
im Wolfsbauch und hat sich an die Dunkelheit gewöhnt?
Fünf Jahre kann man Bio-logie studieren und hört
kein einzigesmal etwas über Lebenskräfte, sieht
nur tote Produkte der Lebensprozesse unter dem Mikroskop.
Wenn ich immer nach Feierabend auf eine Baustelle komme, dann
kann ich auch sagen: "Es wächst. Arbeiter gibt es
nicht." Geht es nicht so den heutigen Biologen? Sie hören
dort auf zu fragen, wo Kinder weiterfragen würden. Die
Lebensvorgänge, an die wir uns gewöhnt haben, werden
für uns selbstverständlich. Achtung, Ehrfurcht,
Dankbarkeit verdämmern – und faszinierend bleibt
allein die Möglichkeit, etwas daran zu manipulieren,
bevor wir die Zusammenhänge durchschaut haben. Das ist
die Dunkelheit des Wolfsbauchs. Die Folgen unseres Handelns
sorgen dann für die Enge, die zum Denken nötigt.
Auch der Märchenerzähler benutzt heute Telefon,
Auto und Flugzeug, betreibt mit Atomstrom seinen Kühlschrank.
Was er damit an den Lebenszusammenhängen der Erde schädigt,
wird er einmal ausgleichen müssen. Die Entwicklung war
aber für das Selbständigwerden des Menschen nötig.
Nun kann er als selbständiges Individuum bewußt
für die Lebenszusammenhänge tätig werden. Bleibende
Stärke ist immer die überwundene Schwäche.
Alte
Menschen haben vielleicht vor ihrem Tode
das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, das Wesentliche
vernachlässigt zu haben. Nun sehen sie an den Märchenbildern,
daß es gut ausgehen kann, erleben unbewußt das
Sinnvolle der vermeintlichen Irrwege. Deshalb
erzähle ich die alten Volksmärchen wie Rotkäppchen
auch ruhig in Seniorenheimen, aber (im Unterschied zum Erzählen
für Kinder) mit Hinweisen zur Deutung.
(Frank
Jentzsch 8.2.2008, 23.9.2008)
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