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Die
Wege im Märchen (Vorbemerkung:
Die Wege im Märchen sind ebenso sinnbildlich aufzufassen
wie die Personen im Märchen, die Tiere, der Brunnen,
der Berg, der Baum, Feuer, Wasser und Luft.....siehe -->
Allgemeines
zur Bildsprache der Märchen.)
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links
oder rechts? |
Bemerkenswert
ist, daß die Märchenhelden
oder -heldinnen meist keine Wegbeschreibung haben oder
Hinweisschilder vorfinden, sondern einfach
zuversichtlich vorwärtsgehen. Wenn sie genügend
Fortschritte gemacht und alle Proben bestanden haben,
stellt sich offenbar das Ziel vor sie hin. Anscheinend
ist es nicht wesentlich, auf welchem Wege sie das Ziel
erreichen - Hauptsache sie strengen sich an! (Vergl.
"Die Gänsehirtin am Brunnen",
Brüder Grimm KHM 179 : " ... er langte
endlich bei dem Haus der Alten an, als er eben niedersinken
wollte." Er steigt und steigt, und die Probe
besteht in diesem Falle darin, daß er sein Widerstreben
gegen das Schicksal aufgeben soll.) |
Wie
geht es uns im normalen Leben? Wir möchten
gerne eine genaue Wegbeschreibung haben, bevor wir losgehen.
Wir möchten den Weg vorher beurteilen,
damit uns keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten überraschen.
Unbekanntes ängstigt nämlich. Das
heißt, daß wir die Zukunft auf Grund von
Erfahrungen beurteilen möchten, die wir in der
Vergangenheit gemacht haben. Dazulernen können
wir aber nur dadurch, daß wir unvorhergesehenen
Aufgaben begegnen und sie trotz unserer Angst als Herausforderung
annehmen. Ich kann Zukünftiges nicht auf Grund
meiner bisherigen Erfahrungen beurteilen. Jeder
Fortschritt bei meiner Arbeit - auch in meiner Biografie
- verändert meine Vorstellung vom Ziel.
Bei
einer Bergbesteigung denken wir im Tal: "Wenn wir
(1) erreicht haben, dann ist der halbe Weg zum Gipfel
(3) geschafft."
Das kann aber anders aussehen, wenn wir bei (1) ankommen,
ganz abgesehen davon, daß wir den Pfeiler (2)
vielleicht mit dem Gipfel verwechseln.
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Die
Märchenhelden sind ein Bild für Fähigkeiten,
die wir uns noch erarbeiten können. Sie haben
das, was früher Gottvertrauen genannt wurde. Sie zweifeln
nicht, sie gehen los, sie machen Fortschritte. Nur scheinbar
bleiben sie Dieselben, denn mit jedem Fortschritt lernen sie
dazu und werden ein Anderer als sie vorher waren. Wesentlich
dabei sind die Beweggründe, warum sie sich auf den Weg
gemacht haben. Selbstsucht gerät in die Klemme oder scheitert
- das zeigen die beiden "hochmütigen" Brüder.
Der Märchenheld hat die nötige Ausdauer nur durch
seine Selbstlosigkeit, und er besteht die
Prüfungen unterwegs durch die Hilfe von Tieren, mit denen
er Mitleid hatte, oder durch den Beistand
von wunderbaren Helfern / Dienern (--> "Die Bienenkönigin",
Brüder Grimm KHM 62, --> "Der treue Johannes",
Brüder Grimm KHM 6, --> "Der Weggefährte",
Norwegen), wenn er sich ihres Beistandes würdig
erweist.
Es
ist für
uns heute schwierig, es den Märchenhelden gleichzutun,
weil wir uns das Vertrauen in die Weisheit der Schicksalsführung
erst wieder erarbeiten müssen. Der Schlüssel dazu
ist, daß ich mich bei jeder Arbeit auf die Sache
konzentriere, daß ich jeden Schritt mit innerer Beteiligung
mache und nicht flüchtig werde, weil ich schon
gerne am (vorgestellten) Ziel sein möchte.
Unsere
Vorfahren sagten: "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott".
Das wies auf eine Willensschulung hin, die die Vorstufe zum
Gottvertrauen ist: nämlich zum Selbstvertrauen. Selbstvertrauen
erarbeite ich mir durch Zuverlässigkeit, indem ich das
durchführe, was ich mir vorgenommen habe (aber auch,
indem ich mir nur das vornehme, was ich durchführen kann).
Dadurch lerne ich mir selbst vertrauen. Darauf,
daß die Sonne zu einer bestimmten Zeit aufgeht, kann
ich vertrauen. Sie ist zuverlässig. Diese Zuverlässigkeit
hat auch der Märchenheld, weil er uneigennützig
für Andere tätig ist, weil er Selbstvertrauen hat
und deshalb Gottvertrauen haben kann.

Hier
zwei Gedichte zum Thema von Frank Jentzsch:
| 1)
Kurz sind die
Wege,
wenn ich nicht überlege,
das Wandern Genuß,
wenn ich es nicht muß,
jeder Schritt aufs neue,
über den ich mich freue.
Denk`
ich an`s Ziel,
wird jeder Schritt zu viel.
Da, wo ich bin,
gehör` ich nicht hin,
von jedem Ort
möchte ich fort.
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So
wird Leben fast
darunter zur Last,
jeder Schritt zur Qual,
alle Freuden schal.
Ich fühl` mich gelähmt,
darüber beschämt.
Alles
gelang,
wo früher ich sprang,
kindlich ergötzt
vom Hier und Jetzt.
Nun bleibt es verhangen,
das Ziel, nicht zu erlangen! |
2)
Du
magst ein Urteil fällen über Dinge,
die unter deinem Horizonte liegen.
Willst du dein Blickfeld aber noch erweitern,
so sammle deine Kräfte, steige!
Das
Ziel erkennst du erst,
wenn hinter dir der Weg liegt,
und erst am Ziel wirst du den
Weg dahin verstehen lernen.
Sei
unbesorgt darum, wer deine Führung sei.
Wenn beide, Weg und Ziel
sich dir enträtseln,
wirst du dich auch mit ihr vereinen. |
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(Frank
Jentzsch 13.3.2008 / 30.3.2008)
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