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Das
tapfere Schneiderlein (Brüder
Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe letzter Hand
von 1857, Nr. 20,
--> Originaltext-Ausschnitt)
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Deutung
dreier Sinnbilder im Märchen, die
eine geistige Entwicklung im Menschen schildern. Der Schneider
im Märchen ist ein Sinnbild für das intellektuelle
Denken, das willkürlich zerschneidet, analysiert und
nach seinem Gutdünken wieder zusammennäht. Das muß
aber nicht das Ende der Entwicklung sein, wie das Märchen
zeigt:
1)
Das tapfere Schneiderlein sitzt im Baum über den beiden
Riesen.
Es reizt die schlafenden Riesen mit Steinwürfen, sich
gegenseitig totzuschlagen. Das findet auch in uns selber statt,
wenn wir unsere Lebenskräfte zum Denken verwenden, d.h.
die Riesenkräfte "unten" (im Leib) werden in
den Überblick "oben" (im Kopf) verwandelt,
wobei der Baum ein Bild für Rückenmark und Nerven-Sinnes-Organisation
sein kann.
2)
Das Schneiderlein springt hinter
einen Baum,und das Einhorn rennt sein Horn im Baum fest.
Daraufhin legt das Schneiderlein dem Einhorn das mitgebrachte
Seil um den Hals, nimmt seine Axt und haut das Horn frei.
Dann kann er das Tier zum König führen. Den Überblick
hat das Schneiderlein inzwischen offenbar in konzentriertes
Denken verwandelt. Man bedenke einmal, wie wir uns konzentrieren,
wie wir uns z.B. bei Konzentrationsübungen ein Bild oder
eine Figur vorstellen, "vor Augen führen".
Da konzentrieren sich Bildekräfte vor der Stirn. Dafür
ist das Horn mitten auf der Stirn ein Bild. Wenn der Mensch
sich nun mit diesem "Horn" in fixe Ideen verrennt,
dann sitzt er in der Klemme. Macht das nicht der Naturwissenschaftler
heute, der Biologie studiert und keine Lebenskräfte kennt?
Das Schneiderlein löst das Horn aus der festgefahrenen
Situation. Es befreit das Denken zum Lebendigen Denken, von
dem Platon spricht.
3)
Die wilde Sau kommt wütend
auf das tapfere Schneiderlein losgestürmt.
Das Schneiderlein "sprang in eine Kapelle, die in
der Nähe stand", das Schwein hinter ihm her.
Der Schneider springt sogleich durch das Fenster wieder hinaus,
hüpft um die Kapelle herum und schlägt die Tür
zu.
Da könnte man meinen, das wäre eine schöne
Schweinerei, die wilde Sau in eine Kirche zu sperren. Aber
wenn man es wiederum als Bild für seelische Entwicklungen
nimmt, wird es doch verständlich. In einem Vortrag über
die Beziehung zwischen Lebenden und Verstorbenen spricht Rudolf
Steiner 1916 (anläßlich des 1. Weltkrieges, in
dem fast jede Familie den Tod eines jungen Mannes zu beklagen
hatte) sinngemäß Folgendes aus. Wenn ein mir nahestender
Mensch – Bruder, Ehemann, Sohn – stirbt, gehe
ich mit ihm ein Stück in die geistige Welt mit. Ich gehe
aber in die astralen Bereiche mit meinen ungeläuterten
Trieben hinein. Denen "begegne" ich dort. Eine Hilfe
liegt darin, niedere Triebe in Andacht zu verwandeln. Dafür
ist die in die Kapelle gesperrte Sau ein zutreffendes Bild.
Die Mönche seit dem Mittelalter üben, niedere Triebe
in Andacht zu verwandeln. Wenn es gelingt, eröffnet sich
eine höhere Einsicht in geistige Welten: das Fenster
der Kapelle. Die Kapelle steht also nicht zufällig in
der Nähe, sondern sie ist die erübte "Kapelle".
(Frank
Jentzsch 8.2.2008, 19.8.2008, 19.6.2011)
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