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Strohhalm,
Kohle und Bohne (Originaltext
siehe --> Brüder Grimm, KHM Ausgabe letzter Hand von
1857, Nr. 18)
Text:
In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht
Bohnen zusammengebracht und wollte sie kochen. Sie machte
also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto
schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand
voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete,
entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen
Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende
Kohle vom Herd zu den beiden herab. Da fing der Strohhalm
an und sprach: »Liebe Freunde, von wannen kommt ihr
her?« Die Kohle antwortete: »Ich bin zu gutem
Glück dem Feuer entsprungen, und hätte ich das nicht
mit Gewalt durchgesetzt, so war mir der Tod gewiß: ich
wäre zu Asche verbrannt.« Die Bohne sagte: »Ich
bin auch noch mit heiler Haut davongekommen, aber hätte
mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barmherzigkeit
zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.« »Wäre
mir denn ein besser Schicksal zuteil geworden?« sprach
das Stroh. »Alle meine Brüder hat die Alte in Feuer
und Rauch aufgehen lassen, sechszig hat sie auf einmal gepackt
und ums Leben gebracht. Glücklicherweise bin ich ihr
zwischen den Fingern durchgeschlüpft.« »Was
sollen wir aber nun anfangen?« sprach die Kohle. »Ich
meine«, antwortete die Bohne, »weil wir so glücklich
dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen
zusammenhalten und, damit uns hier nicht wieder ein neues
Unglück ereilt, gemeinschaftlich aus wandern und in ein
fremdes Land ziehen.«
Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich
miteinander auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen
Bach, und da keine Brücke oder Steg da war, so wußten
sie nicht, wie sie hinüberkommen sollten. Der Strohhalm
fand guten Rat und sprach: »Ich will mich querüber
legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke
hinübergehen.« Der Strohhalm streckte sich also
von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger
Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Brücke.
Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter ihr das Wasser
rauschen hörte, ward ihr doch angst: sie blieb stehen
und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fing an
zu brennen, zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach;
die Kohle rutschte nach, zischte, wie sie ins Wasser kam,
und gab den Geist auf. Die Bohne, die vorsichtigerweise noch
auf dem Ufer zurückgeblieben war, mußte über
die Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte
so gewaltig, daß sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls
um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Glück ein Schneider,
der auf der Wander schaft war, sich an dem Bach ausgeruht
hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er
Nadel und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne
bedankte sich bei ihm aufs schönste, aber da er schwarzen
Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen
eine schwarze Naht.
Deutung:
Vom heiligen Herdfeuer kommt die glühende Kohle. Dort
ist es ihre Aufgabe, sich selbst zu opfern und Wärme
zu spenden. Aber sie benimmt sich nicht entsprechend würdevoll.
Sie flieht vor dieser Aufgabe, geht andere Wege, ist aber
noch zu hitzig und trippelt zu schnell vorwärts, anstatt
stetig und zielstrebig Fortschritte zu machen, wie das von
einem Märchenhelden zu erwarten wäre.
Auch zögert sie mitten über dem Bach, als sie ins
Wasser schaut. Trippeln und Zögern – beides ist
unbeherrscht. Statt sich für andere zu opfern, zerstört
sie die "Brücke zum anderen Ufer", im Märchen
das Sinnbild für die Verbindung zwischen Erde und Himmel.
Der
Strohhalm trug früher lebenspendendes Korn in der Ähre,
jetzt spendet er kein Leben mehr, ist so trocken, so daß
er der Hitzigkeit der Kohle unterliegt, taugt deshalb nicht
als Brücke zum anderen Ufer.
Die
Bohne gerät vor Schadenfreude außer sich (auf Schwäbisch:
se goht obe naus) und platzt. Darauf ruft ihr der Schneider
sozusagen zu :”Nimm dich zusammen!”, indem er
sie wieder zusammennäht. Der schwarze Faden macht ihr
ein Rückgrat, holt sie wieder auf die Erde, auf den Boden
der Tatsachen herab.
(Frank Jentzsch 8.2.2008 / 6.6.2008 / 19.6.2011)
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