Märchenerzähler
Frank Jentzsch

   
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Der Grabhügel (Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe letzter Hand von 1857, Nr. 195, --> Originaltext)

Deutung

Die sinnbildliche Sprache der Märchen war den Menschen vor 200 bis 300 Jahren sicherlich leichter zugänglich als uns heute. Sie gingen Sonntags in die Kirche, wo der Pfarrer, der Priester ihnen die Sinnbilder der Bibel auslegte, sie mit den Seeleneigenschaften der Zuhörer in Beziehung brachte. Bei der Jordantaufe kam der heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. Jeder ahnte, was gemeint war, wenn von der himmlischen Hochzeit gesprochen wurde, zu der man ein schönes Gewand haben muß. Dem Reichen, der für seine Vorräte größere Scheunen bauen will, sagt Christus: "Du Narr, heute nacht wird man deine Seele von dir fordern." Der Reiche wurde als der seelisch Hochmütige begriffen, und der Arme als der Demütige, der angesichts der Fülle der geistigen Mächte natürlich bescheiden ist.

So ahnten die Menschen damals wohl eher, daß die Personen des Märchens in der eigenen Seele spielen. Der Reiche ist derjenige in mir, der sich auf seinen Begabungen ausruht, stolz auf sie ist und meint, alles selber zu können. Er kennt nichts Höheres über sich, kennt also auch keine Erfurcht.
Der Arme ist demütig, erkennt seine Armut im Vergleich zum Reichtum der göttlichen Welt an. Nun stirbt der Reiche in mir, der Hochmut (das ist im irdischen Leben ein langer Entwicklungsweg), und Demut entwickelt sich: im Märchenbild der Arme. Aber es genügt nicht, sich demütig nach oben zu öffnen. Man muß auch Wachsamkeit entwickeln, damit keine bösen Mächte diese Öffnung benutzen, um ungefragt einzudringen.

Nachdem der Arme es geschafft hat, zwei Nächte lang zu wachen, wo der normale Mensch sonst das Bewußtsein verliert, erscheint am dritten Abend der Soldat:

"Ich bin nur ein abgedankter Soldat, und will hier die Nacht zubringen, weil ich sonst kein Obdach habe….." Wofür hat er immer gekämpft? Vielleicht gegen Versuchungen, gegen das Böse, gegen die Trägheit … Vielleicht hat er sich dann, weil es "abgedankter Soldat" heißt, befreit von der Bevormundung von alten Institutionen, so daß er nicht mehr wie früher für Sold kämpft, sondern für sein Gewissen. Große Reiterstiefeln sind sichtbar = er hat also offenbar Fortschritte gemacht, denn zu Pferd kommt man schneller voran als zu Fuß.

"..hatte Narben im Gesicht…" nämlich vorne, wie es sich für mutige Kämpfer gehört, und nicht hinten wie bei Feiglingen.

Warum will er "die Nacht zubringen" bei den Toten? Weil er sonst kein Obdach hat. Dieser Geisteskämpfer (in der menschlichen Seele) zieht sich zurück in geistige Regionen der Verstorbenen, in den Nachtbereich, und deshalb hat ihn der Arme auch "noch nie gesehen" Es ist ihm nicht bewußt, daß er einen solchen Kämpfer in sich hat, denn der Nachtbereich war ihm bis jetzt nicht zugänglich. Aber nun wird ihm die Nacht zugänglich, weil er zwei (endlich drei) Nächte am Grabe wacht. Und da kommt ihm dieser innere Kämpfer zum Bewußtsein.

"Gib den Armen, was mir zufällt…." Er hat selbstlos für die Wahrheit und das Gute gekämpft, nicht für den eigenen Vorteil. Wer sich so mit Wahrheit und Liebe verbindet, den durchströmen belebende Kräfte. Das ist Lohn genug. Deshalb braucht er das Gold des Teufels nicht. Das Gold kann nun dadurch gereinigt werden, daß man es den Bedürftigen zur Verfügung stellt.
Die Armen, das sind die "Seligen, die da geistig arm sind, denn das Himmelreich ist ihrer". Sie empfangen aus Gnade, was der Geisteskämpfer mit den scharfen Waffen seines Geistes errungen hat, das Gold der Erkenntnis.

(Frank Jentzsch 8.2.2008 / 21.6.2009 / 19.6.2011)

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