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Aschenputtel
(Originaltext siehe -->
Brüder Grimm, KHM Ausgabe letzter Hand von 1857, Nr.
21)
Deutung:
Das
Grimmsche Märchen vom Aschenputtel sagt uns: Der
Mensch kann in das eine Extrem geraten oder in das andere
Extrem, er kann aber auch durch Arbeit und Andacht
die Mitte entwickeln.
Die
drei Schwestern darin sind Bilder für seelische Eigenschaften.
Bei der einen Schwester ist die Zehe zu groß. Sie tippelt
auf den Zehen, sie ist schwärmerisch, phantastisch, abgehoben.
Bei der anderen ist die Ferse überbetont. Sie stampft
mit der Ferse auf, um sich durchzusetzen, kennt nur Irdisches,
für sie gibt es keinen Himmel. Beide wollen ihre Einseitigkeit
vertuschen. Sie üben sozusagen Askese, um den Königssohn
zu bekommen. Die weißen Tauben auf dem Haselbäumchen,
die Himmelsboten, sehen aber am Blut im Schuh, daß da
etwas verdrängt werden sollte.
Aschenputtel
nun bringt beide Extreme ins Gleichgewicht: Sie kennt
die irdirische Arbeit wie Holz und Wasser schleppen, Kochen
und Waschen (was zu Grimms Zeiten schwerer war als heute)
und geht dreimal am Tage zum Grab der Mutter, um zu beten.
Sie kennt Erde und Himmel, und bringt beides geduldig zusammen,
deshalb paßt ihr der goldene Schuh. Der goldene Schuh
ist ein Bild dafür, daß Aschenputtel das
Himmelsgold der Tauben, ihre Ideale, bis in die Füße,
bis in den Willen hineingebracht hat. Sie ist zwar
offenbar im Denken (Taubenschlag) und Fühlen (die süßen
Birnen im Birnbaum) zu Hause, kann hinein und hinaus, wann
sie will, aber sie bleibt nicht dabei stehen.
Die
Extreme (die beiden Stiefschwestern) sind dabei blind für
die Mitte, für den Ausgleich (Aschenputtel), sonst wären
sie keine Extreme. Das betonen am Ende die beiden Tauben noch
einmal, indem sie ihnen die Augen auspicken.
Die
sinnbildliche Sprache der Märchen war den Menschen
vor 200 bis 300 Jahren sicherlich leichter zugänglich
als uns heute. Sie gingen Sonntags in die Kirche, wo der Pfarrer,
der Priester ihnen die Sinnbilder der Bibel auslegte, sie
mit den Seeleneigenschaften der Zuhörer in Beziehung
brachte. Bei der Jordantaufe kam der heilige Geist in Gestalt
einer Taube auf Jesus herab. Jeder ahnte, was gemeint war,
wenn von der himmlischen Hochzeit gesprochen wurde, zu der
man ein schönes Gewand haben muß. Dem Reichen,
der für seine Vorräte größere Scheunen
bauen will, sagt Christus: "Du Narr, heute nacht wird
man deine Seele von dir fordern." Der Reiche wurde als
der seelisch Hochmütige begriffen, und der Arme als der
Demütige, der angesichts der Fülle der geistigen
Mächte natürlich bescheiden ist.
(Frank
Jentzsch 8.2.2008, 7.1.2009)
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