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Märchen
- Illustrationen
Harry
Potter und Pipi Langstrumpf mag man illustrieren und verfilmen,
den echten Märchen jedoch nimmt man das Wesentliche,
wenn man Illustrationen hinzufügt. Märchen
sollen in jedem einzelnen Menschen seine eigenen Bilder wachrufen,
die mit seinem individuellen Schicksal zu tun haben.
Jeder Mensch benutzt unbewußt die von ihm erlebten
Situationen, um die Märchengeschehnisse innerlich zu
illustrieren. Dadurch verbindet er sein eigenes Schicksal
mit den ordnenden Kräften der Märchen-Vorbilder.
Das ist heilsame Biografiearbeit. Diese Arbeit sollte
man einen Kind / einem Menschen nicht abnehmen, weil er durch
sie stärker wird.
Es
ist so, als wenn ein Kind nur immer gefahren würde; dann
verkümmern seine Beine. Oder ein anderes Beispiel: Wenn
eine Mutter ihre Kinder gesund ernähren will, und Gemüse
und Salat auf den Tisch bringt, dann muß gekaut und
verdaut werden, und dadurch werden die Kinder kräftiger.
Stellt sie zwischen die Schüsseln mit Gemüse und
Salat Gummibärchen, Bonbons und Schokolade – wonach
greifen die Kinder? Nach den Süßigkeiten natürlich.
So ist es auch mit den Illustrationen. Kinder verlangen danach
und werden dadurch geschwächt.
Wenn
ich Klavierspielen lernen will, muß ich üben. Immer
wenn ich schöpferische Kräfte entwickeln will, dann
muß ich sie üben. Außerdem: wieso sollen
eigentlich fünfzig Millionen Kinder alle dieselben Rotkäppchen-Bilder
anschauen, die sich ein einzelner Grafiker oder Regisseur
ausgedacht hat? Die sind doch nur für ihn selber und
einen Kreis von Menschen um ihn herum interessant. Es ist
außerdem so, daß ich die Bilder, die ich einmal
gesehen habe, nie mehr aus meinem Kopf herauskriege. Sie sind
immer wieder, z.B. durch Hypnose, hervorzuholen. Diesen Ballast
kann ich den Kindern ersparen, indem ich ihnen vorlese oder
erzähle. Dabei sind Märchenbücher vorzuziehen,
die nicht illustriert sind, und die nicht "modernisiert"
sind. Die Grimmsche Sprache ist heute nicht mehr gebräuchlich,
aber wie z.B. Faust I oder Reinecke Fuchs von Goethe durch
ihre Genauigkeit, ihren Rhythmus und ihre lautmalerische Kraft
sprachfördernd.
Das
Besondere der Grimmschen Märchensprache ist,
daß sie fließend von einem Bild zum anderen führt,
so daß der Hörer oder Leser mit dem Märchenhelden
zusammen den Gang der Geschichte träumerisch durchwandern
kann, ohne durch erklärende Nebensätze - Zeit und
Ortsprünge - immer wieder herausgerissen und zum Darüber-Nachdenken
genötigt würde. (Man vergleiche damit Texte von
Thomas Mann. Bei ihm steht die Lust an der Beweglichkeit des
Intellekts im Vordergrund.) Bei den Grimmschen Märchen
ermöglicht das ruhige Fließen der Imaginationen
das Erleben der Handlung im Zusammenhang. Und wir lernen nicht
durch Gedanken oder fertige Illustrationen anderer Menschen
sondern durch eigenes Erleben.
(Frank
Jentzsch 8.2.2008, 19.8.2008)
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