Märchenerzähler
Frank Jentzsch

   
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Frank Jentzsch: "Die Bildsprache der Märchen" (Vortrag)

Sind Märchen grausam, frauenfeindlich, weltfremd?


Ein Märchenbeispiel: "Wassilis Weibchen" (nach Afanasjew, Rußland)

Wassili hatte ein Weibchen, na, ihr wißt schon, was für eine: Immer gab sie Widerworte. Wollte er Grünfutter schneiden, schon rief sie: "Nein, erst wird Holz gehackt!" Wollte er Gerste säen: "Nein, Hafer!"
Einmal im Frühling waren die beiden zusammen unterwegs, gingen über die Felder - am blauen Himmel segelten weiße Wölkchen, es roch nach aufgepflügter Erde, und auf allen knospenden Zweigen zwitscherten die Vögel. Sie kamen an ein Flüßchen. Das Schmelzwasser hatte die Brücke davongerissen, nur ein langer Balken lag darüber. "Hier kriege ich sie!", dachte Wassili. "Ich gehe zuerst!" sprach er. "Nein, ich!" rief Maremja, und schon war sie auf dem Balken. Als sie in der Mitte war, sagte er: "Nicht wackeln, sonst fällst du noch hinein!" "Nun wackle ich gerade!" schrie sie und stampfte mit dem Fuß auf. Der Balken kippte, plumps, lag sie im Wasser, ging unter und kam nicht wieder an die Oberfläche. Wassili seufzte. Er hatte schon so viel mit ihr erlebt. Aber was sollte er ohne sie anfangen? Er brach sich einen Stecken aus dem Ufergebüsch, watete ins Wasser und begann zu suchen.
Ein ganzes Weilchen hat er gesucht. Da kamen zwei Bauern am Ufer entlang, und riefen: "He, Alterchen, fischst du?" "Freilich fische ich", sagte Wassili, "nach meinem Weibchen
fische ich, das unten bei der alten Brücke ins Wasser gefallen ist!". "Du Dummkopf !" riefen die beiden , "da mußt du unterhalb der Brücke suchen; sie wird schon weit abgetrieben sein!" "Ach" entgegnete Wassili, und wiegte lächelnd den Kopf, "ihr kennt mein Frauchen nicht, sie wird auch diesmal gegen den Strom geschwommen sein!"
Und richtig - er hat sie gefunden! Sie spuckte das bißchen Wasser aus, das sie geschluckt hatte, war gesünder und schöner als je zuvor und hatte sogar noch einen prächtigen Fisch gefangen. Sie nahmen sich in die Arme, herzten und küßten sich, und setzten gemeinsam ihren Weg fort.


Etwas zur Märchen - Deutung:

"Mein Freund hat den Kopf verloren, weil er sein Herz verschenkt hat." Nehmen wir so einen Ausspruch wörtlich oder im übertragenen Sinne? Wir verstehen ihn doch als eine Beschreibung seelischer Verhältnisse. Probieren wir das einmal mit Wassilis Weibchen. Gegen den Strom zu schwimmen - beginnen wir nicht alle spätestens mit 3 Jahren damit,? "Hast Du wieder genascht?" fragt die Mutter, und das Kind strahlt: "Nein!" Es macht sich auf diese Weise mit einer Lüge unabhängig von der Mutter. Mit 9, mit 14 Jahren muß man gegen den Strom schwimmen, um eine individuelle Persönlichkeit zu entwickeln. Es geht nicht ohne Kämpfe ab, bevor man ein vernünftiger, ehrlicher, verantwortlicher Mensch wird. Vielleicht habe ich selber ja auch diesen Wassili und diese Maremja in mir? Kennen wir nicht ähnliche Situationen? "Nehmen Sie doch noch ein Stück Kuchen!" "zu viele Kalorien!" sagt der Verstand. Die Seele stürzt sich trotzdem ins Vergnügen, und der Verstand sieht zu. "Trinken Sie noch ein Glas Wein!" "Nein, ich muß noch Auto fahren!" sagt der Verstand. Das Gefühl genießt, und der Verstand schaut zu.
Maremja stürzt (sich) in die Fluten (der Gefühlswelt). Wassili geht der Sache auf den Grund. Und daß der Verstand das Gefühl zum Widerspruch reizt, ist auch
bekannt. Es erwidert prompt: "Nun gönne ich es mir gerade!" Maremja verbindet sich durch das Erleben mit der Welt - und Wassili macht durch seinen Überblick Erfahrungen daraus. Die beiden gehören zusammen.

In einem Kinderhort erzählte ich diese Geschichte einmal als letzte Zugabe. Ein 11-Jähriger mit Ring im Ohr und Zöpfchen hatte schon vorher mehrmals signalisiert, daß er eigentlich zu cool für Märchen wäre. Ich sagte: "Du kannst schon rausgehen und spielen, wir sind auch gleich fertig." - "Nein, ich hab drei Mark bezahlt..." (und die wollte er bis zum letzten Pfennig absitzen!) - Ein paar Tage später erzählte ich in seiner Schule, da kam er in der Pausenhalle auf mich zu und sagte: "Eh, die letzte Geschichte war die beste." Ich fragte: "Welche war das?" - "Wo die Frau ins Wasser gefallen ist, das fand ich voll geil." - "Warum fandst Du das voll geil? - "Die konnte ja gar nicht untergehn, weil sie immer dagegen war!" Er hatte offenbar die Geschichte sinnbildlich aufgefaßt; er war auch einer, der in der Schule immer gegen den Strom schwamm - und das war endlich ein Märchen, das ihn aufbaute, indem es sagte: "Es wird auch mit dir einmal gut ausgehen."

Märchen schildern seelische Entwicklungswege in Bildern. Das, was in unserer Seele so schwer durchschaubar durcheinandergeht, stellt das Märchen in klar von einander unterschiedenen Personen "auf die Bühne". Haben wir nicht in uns die Ahnung von unserer Herkunft (die Großmutter), die Mutter, das Kind, das sich auf den Weg machen muß, damit wir Fortschritte machen können, und auch den Wolf?

Lesen Sie noch einmal das wohl bekannteste deutsche Märchen "Rotkäppchen".

ROTKÄPPCHEN: Steckt unsere Zivilisation heute nicht in dem dunklen, engen Wolfsbauch? Der Mensch mußte zwar vom Weg abgehen, um selbständig zu werden, aber was fängt er mit den vielen "Blumen" an, die er aus ihrem Lebens-Zusammenhang gebrochen hat? Wenn sich unsere Seele im Spiegel sehen könnte, würde sie dann nicht auch über die großen Augen und Ohren erschrecken, mit der sie Welt gierig in sich aufgenommen hat, über die großen Hände, die alles raffen, den großen Mund, der sich alles einverleiben wollte? Haben wir nicht auch unsere Ahne vergessen? Wann kommt der Jäger, der wieder Licht in die Sache bringt?

ASCHENPUTTEL: Die Stiefschwestern sind Bilder für seelische Einseitigkeiten. Bei der einen ist die Zehe zu groß: sie tippelt auf Zehenspitzen, ist eine Schwärmerin, Phantastin - bei der anderen ist die Ferse überbetont, sie stampft damit auf, wenn sie etwas will. Für sie gibt es nur handfeste irdische Tatsachen, einen Himmel kennt sie nicht. Aschenputtel bringt beides zum Ausgleich: sie kennt die schwere Arbeit im Haushalt, geht aber dreimal am Tage beten zum Grab der Mutter. Deshalb paßt ihr der goldene Schuh. Die Stiefschwestern wollen ihre Einseitigkeit verleugnen (Zehe und Ferse abschneiden), aber die Tauben entlarven die Lüge.


 

Zuschüsse können rechtzeitig vorher beantragt werden bei der "Märchenstiftung Walter Kahn", Tel. 09381 - 716 636, www.maerchenstiftung.de - info@maerchenstiftung.de


Hörer-Echo:

„….Es war fast alles neu für mich und hochinteressant!“
„…. So habe ich die Märchen noch nie angesehen.“

Eine Schulrätin nach einem Abend für Deutschlehrer / -innen (sinngemäß): "Das hätte ich nicht gedacht, daß ich von Anfang bis zum Ende so aufmerksam zuhöre.

(E-Mail:) "Von meiner Seite zunächst ein großes Lob für Ihren Geschichtenvortrag am letzten Mittwoch im Bärenschlößle. Zugegebenermaßen hatte ich anfangs etwas Bedenken, ob Märchen für Erwachsene funktionieren. Am Ende jedoch war ich restlos überzeugt. Es hat einfach unglaublich Spaß gemacht, Ihnen zuzuhören und die Bilder entstehen zu lassen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir die vorgetragenen Märchen zukommen lassen könnten."

„Ich soll Sie grüßen von Frau X, sie ist Ihnen sehr dankbar für die Impulse in Ihrem Vortrag. Sie hat mit 50 Jahren angefangen, Englisch zu lernen….“


Referenzen: (Sortiert nach Datum)

Febr. 2000 Treffpunkt Senior, 70174 Stuttgart, Tel. 0711 - 616 - 099 "Generationenprobleme im Märchen"

Aug. 2000, Bürgerhospital, 70191 Stuttgart,Tel. 0711– 253 – 2929, „Wege aus der Angst“ für Patienten der Psychiatrie.

Mai 2001, 23562 Lübeck, Kahlhorst-Schule, Über Märchen und Erzählen für Lehrkräfte, Tel. Herr Rückbrodt, 0451 – 582 908 – 0

Mai 2001, 22926 Ahrensburg, Himalaja-Institut Tel. Frau M. Kröner, 04102 – 32835: "Die Frau im Märchen"

Sept. 2002, 30519 Hannover, Praxis Dr. med. J. Möller, Tel. 0511 – 86 20 82 für Eltern u. Erzieherinnen

Nov. 2002, 24111 Kiel, Betreute Grundschule Russee, Frau Zabel, Tel. 0431 – 693 - 94, für Eltern u. Lehrer

Nov. 2002, 59494 Soest, Hugo-Kükelhaus-Schule, Frau Trappe, Tel. 02921 – 67 2682: "Über Russische Märchen"

Mai 2003, 72072 Tübingen, Waldorf-Kindergarten Frau Kares Tel. 07071 – 33 407, "Über Märchen und Erzählen für Eltern u. Erzieherinnen"

März 2003, 70619 Stuttgart, Frauenkreis St. Michael, Frau Essers, Tel. 0711 -47 31 85: "Die weite russische Seele"

Mi 14.05.2003, Kindergarten, 23843 Bad Oldesloe, Rümpelerweg 31 Frau Lippold Tel. 04531 – 88 58 38, 20°° „Brauchen Kinder Märchen?“

So 13.07.2003, Evangel. Kirche, 70597 Stuttgart-Degerloch, GroßeFalter - Str. 3 Herr Lughofer, Tel. 47 45 05 15 - 17 °° "Rosenfest" Bekannte Grimmsche Märchen: Aschenputtel, u. über d. Bildsprache der Märchen

Die 09.12.2003, UNI GIESSEN, 35390 Giessen, Ludwigstr. 23, Tel. 0641 – 99 - 0 Prof. Swantje Ehlers, Germanistik, Germanistik-Institut: Tel. 0641 – 99 - Wohnung in Berlin Tel. 030 – 851 3123 16 – 20 °° Seminar für Germanistik-Studenten: „Märchen erzählen, deuten – Besonderheit der Grimm-Sprache.

Mo 01.03.2004, Stuttgarter Märchenkreis e.V., 70173 Stuttgart, Bolzstr. 6 Tel. F. Jentzsch 19.30 "Die Bildsprache der Märchen"

Mi 10.03.2004, Waldorfkindergarten Möhringen, 70597 Stuttgart, Felix-Dahn-Str. 12 Frau Funk, Tel. 71 99 822 20°° " Märchen, was ist das? Welches Märchen für welches Alter?"

Sa 20.03.2004, MÄRCHENTAGUNG, CH 4143 Dornach, Goetheanum Almut Bockemühl, Tel. 0041– 61– 701 3717 Podiumsdiskussion mit Christa v. Schilling (Marionettenbühne Hurleburlebutz, Bochum) "Puppenspiel und Märchen-Erzählen"

Die 20.04.2004, Kindergarten Esslingen, 73730 Esslingen-Sirnau, Bussardweg 3, Tel. 0711 – 316 12 14, Fax: - 937 15 29 73116 Wessenbeuren, Frau Hägele, Schubertstr. 12, 20°° "Die Bildsprache der Märchen" Sind Märchen grausam, weltfremd….?

Sa 24.04.2004, Freizeitschule Mannheim, 68199 Mannheim, Neckarauer Waldweg 145 , Tel. 0621 - 85 67 66 / Fax.: - 858 401 Angelika Schmucker, Uhr "Russische Märchen" Vortrag

Die 22.06.2004, Kindergarten Esslingen, 73730 Esslingen-Sirnau, Bussardweg 3, Tel. 0711 – 316 12 14, Fax: - 937 15 29 Frau Hägele, Schubertstr. 12, 73116 Wessenbeuren, 20°°: Warum Märchen, warum Erzählen?

Fr 01.10.2004, Kindergarten Dattelweg, 70619 Stuttgart, Dattelweg 33 b Frau Schubert 20°° über Märchenbedeutung

Do 21.10.2004, Nellmersbacher Märchentage 10-jähriges Jubiläum, 71397 Nellmersbach, Nelkenstr. 8 Pfarramt Tel. 07195 - 3827 Petra Horter, Bahnhofstr. 11, 71397 Nellmersbach, Tel. 07195 - 3348 Vortrag über Märchenbedeutung

Do 11.11.2004, Kindergarten Albstraße, 73760 Ostfildern-Ruit, Albstraße, Tel. 0711 – 41 55 13 Barbara Heitmann, 20 Uhr Vergnüglicher Erzählabend mit Märchendeutung u. ihre Bildsprache

Fr 30.09.2005, 75417 Mühlacker-Großglattbach, Fronackerweg 7 Pfarrer Friedmann Glasers Kollege, Tel. 07044 - 920556, 19.30 - ab 18 Uhr 30 gemeinsames Fest der ehrenamtlichen Mitarbeiter: Märchendeutung an Beispielen

Mo 17.10.2005, Konferenz Grundschule Vortrag 73489 Jagstzell bei Ellwangen, Schulstr. 6 D. Winterstein,Tel. 07967 - 232 13 - 14°°, "Warum Märchen im Unterricht?"

Sa 22.10.2005, Lange Kulturnacht Stuttgart, 70188 Stuttgart, Zur Uhlandshöhe 10, Caféteria, 20°° "Mein Chef und ich"

Sa 22.10.2005, Lange Kulturnacht Stuttgart, 70188 Stuttgart, Zur Uhlandshöhe 10, Caféteria 22°° "Das zanksüchtige Weib" und der Erzähler Frank Jentzsch

So 13.11.2005, Cafeteria im Rudolf-Steiner-Haus Vortrag 70188 Stuttgart, Zur Uhlandshöhe 10, Caféteria, 16 Uhr, "Von Zu-Mutungen des Schicksals" (Die schöne Wassilissa)

Mo 30.01.2006, Sozialpsychiatrisches Zentrum, 70599 Stuttgart-Birkach, Alte Dorfstr. 16 Frau Schweitzer, Tel. 0711 - 45 798 23 17°° "Wege aus der Angst"

Die 04.04.2006, Evangel. Kirche Sillenbuch, 70619 Stuttgart, Oberwiesenstr. 30 Pfarrer Föhl, 15.30 "Die Gänsehirtin a. Brunnen"

So 19.11.2006, Cafeteria im Rudolf -Steiner-Haus, 70188 Stuttgart, Zur Uhlandshöhe 10, Caféteria, 16 Uhr "Märchen, machen Mut"

17.1.2007 / 21.2.2007 / 22.3.2007 für Eltern und Erzieherinnen des Waldorfkindergartens 73430 Aalen, Zeppelinstr.67 Fortbildung Märchenverständnis, Erziehung und Selbsterziehung für Eltern und Erzieherinnen.

9.5.2007, für Eltern und Erzieherinnen des Waldorfkindergartens 71665 Vaihingen / Enz, Steinbeißstr. 65, Tel. 07042 - 13441 "Die Bildsprache der Märchen" für Eltern und Erzieher.

15.5.2007, Waldorfkindergarten 73237 Köngen, Römerstraße, Tel. 07024 - 84 214, "Die Bildsprache der Märchen und Vorlesen / Erzählen"

3.12.2008, 75323 Bad Wildbad, Baetznerstr. 92, Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen, Tel. 07081-9249-0, Erzähl- und Vortragsabend innnerhalb eines Seminars für Deutschlehrer.

21.6.2009, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Johannisplatz 3, Galerie und Forum für angewandte Kunst im Prediger, Erzählen und Vortrag im Rahmen der Reihe "ARS TRANSFORMANS" zum Thema "GOLD IM MÄRCHEN".

17.10.2009, 70188, 22 Uhr, Stuttgart, Rudolf-Steiner Haus, "Zauber des Erzählens - mit Hinweisen zur Bildsprache der Märchen" im Rahmen der Stuttgarter Kulturnacht.

20.10.2009, 19 Uhr, Grundschule 73486 Adelmannsfelden, für Lehrer und Eltern "Richtig ernste Sachen zum Lachen" - mit Erläuterungen zur sinnbildlichen Sprache der Märchen.

29.11.2009, 15 - 16 Uhr, Fachklinik Wilhelmsheim (Drogen- u. Alkoholprobleme) 71579 Oppenweiler, für ehrenamtliche Betreuer der Nachsorgegruppen: "Generationenprobleme im Märchen".

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(Stand: 27.2.2006, 7.10.2008, 22.6.2009, 10.1.2010)

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